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London, 25.3.2020 – Die Todesopfer durch das COVID-19-Virus werden wahrscheinlich erheblich steigen. Dies gilt auch für die Auswirkungen auf Wirtschaft und Finanzmärkte, da die Länder Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung ergreifen. Wir geben einen Überblick über die jüngsten Entwicklungen und was diese für die europäischen Real Assets-Märkte bedeuten.

Im Wesentlichen funktionieren Volkswirtschaften auf der Grundlage der Beziehung zwischen Angebot, Nachfrage und dem Finanzwesen. Der Ausbruch des Coronavirus (COVID-19) hat zu Schocks in allen drei Bereichen gleichzeitig geführt. Er führte zu Unterbrechungen der weltweiten Lieferketten, einem starken Rückgang des Konsums und erheblichen praktischen Hindernisse für die Geschäftstätigkeit in den Produktions- und Dienstleistungssektoren.

Kurzfristig ist eine Rezession wahrscheinlich. Die Produktion in Europa wird voraussichtlich stark schrumpfen. Zwei Fragen sind der Schlüssel, um die längerfristigen wirtschaftlichen Folgen zu verstehen: Wie lange wird die erhebliche Beeinträchtigung dauern? Und wie wirksam werden die politischen Antworten von Regierungen und Zentralbanken angesichts eines solch plötzlichen – wenn auch temporären – Stopps des Wirtschaftswachstums sein?

Zunächst einmal besteht die Hauptaufgabe der Politik darin, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Die Wirksamkeit staatlicher Maßnahmen wird einen erheblichen Einfluss auf die Dauer der wirtschaftlichen Beeinträchtigung haben. Diese Anstrengungen müssen jedoch auch gegen die wirtschaftlichen Kosten abgewogen werden und politische Fehlentscheidungen könnten den Finanzmärkten langfristig schaden. Die Regierungen im Vereinigten Königreich und in Europa haben bereits finanzpolitische Maßnahmen in Höhe von Hunderten von Milliarden Euro angekündigt, um Unternehmen durch den COVID-19-Schock hindurch zu helfen. Letztlich können finanzpolitische und geldpolitische Maßnahmen jedoch nicht die Beeinträchtigung durch einen größeren Einbruch von Angebot und Nachfrage verhindern; sie können sie nur kompensieren.

Die Auswirkungen auf Real Assets werden – wie bei fast allen Anlageklassen – beispiellos sein: es droht einer der stärksten Rückgänge der weltweiten Nachfrage. Real Assets haben sich in der Vergangenheit verglichen zu anderen Anlageklassen in Stresssituationen gut entwickelt. Sie bieten zudem Diversifizierungsvorteile und Erträge in einer Zeit, in der die Renditen von Staatsanleihen wahrscheinlich zurückgehen werden, da Anleger Sicherheit anstreben. Dennoch werden die Preise unter Druck geraten, zumindest auf kurze Sicht, obwohl sich auch einige Gelegenheiten auftun werden.

Die vollständigen Auswirkungen von COVID-19 auf Real Assets zeichnen sich noch nicht ab, es gibt aber einige Anhaltspunkte, die auf einen Rückgang des Transaktionsvolumens hindeuten. Unter diesen Bedingungen müssen die Liquiditätsbedingungen und Kreditrisiken genau überwacht werden. Im Folgenden diskutieren wir die Auswirkungen auf drei Hauptkategorien von Real Assets: Immobilien, Infrastruktur und Private Debt.

Immobilien

Mieter gewerblicher Immobilien sind bereits betroffen. Einzelhändler gehörten zu den ersten, die es getroffen hat. Da der Sektor bereits vor dieser Krise vor strukturellen Herausforderungen stand, wird er nun noch anfälliger werden. Viele Einzelhandelsgeschäfte werden von staatlicher Unterstützung abhängig sein, um überleben zu können.

Während Einzelhändler im Bereich der Basiskonsumgüter wie Lebensmittelgeschäfte und Apotheken möglicherweise weniger von dem starken Nachfragerückgang betroffen sind, werden die meisten Einzelhändler in den kommenden Monaten wahrscheinlich einen Rückgang der Kundenzahlen, Beeinträchtigungen der Lieferkette und Schwierigkeiten bei der personellen Besetzung erleben. Viele Einzelhändler werden ihre Mietzahlungen wahrscheinlich nicht rechtzeitig leisten können. Ohne staatliche Unterstützung könnten einige von ihnen gezwungen sein, ihr Geschäft aufzugeben.

In anderen Sektoren, die vom Tourismus abhängen, darunter Hotels, Restaurants und Freizeitunternehmen, wird die Lage wahrscheinlich immer schwieriger werden, je länger die Krise andauert. Auch in den Teilen des Bürosektors, die mit Tourismus, Reisen und verarbeitendem Gewerbe verbunden sind, kann es zu Insolvenzen in großem Maßstab kommen. Mieter mit gesunden Bilanzen und geringer Verschuldung werden widerstandsfähiger sein. Darüber hinaus werden Unternehmen, die eine wesentliche Rolle für das Funktionieren der Gesellschaft und breiteren Wirtschaft spielen, wahrscheinlich eher staatliche Unterstützung erhalten.

In der Logistikbranche werden die Mieter von der Beeinträchtigung globaler Lieferketten und einem möglichen Arbeitskräftemangel getroffen. Es ist jedoch möglich, dass in der Zeit der erzwungenen sozialen Isolation ein größerer Prozentsatz der Bevölkerung vom E-Commerce abhängig wird, wodurch dieser Sektor eine gewisse Unterstützung erfährt.

Studentenunterkünfte sind im Allgemeinen ein defensiver Sektor. Die Mieteinnahmen dürften hier auf kurze Sicht weniger stark beeinträchtigt werden als in vielen anderen Sektoren. Wenn jedoch das globale Reise- und Hochschulwesen bis zum Spätsommer unterbrochen bleibt, werden die Belegungsraten für das Studienjahr 2020-2021 unter Druck geraten.

Vermieter und Kreditinstitute machen sich auf das Risiko beeinträchtigter Einnahmen gefasst. Sie werden eng mit den Mietern und Kreditnehmern zusammenarbeiten müssen, um diesen zu helfen, den Geldfluss in dieser schwierigen Zeit zu steuern. Das Engagement in stabilen Unternehmen mit starken Verpflichtungen in hochwertigen Gebäuden wird hierbei helfen. Da sich Entwicklungsprojekte aufgrund von Beeinträchtigungen der Lieferkette und des Arbeitskräftemangels verzögern können, ist es erforderlich, die Folgen abzuschwächen.

Infrastruktur

Infrastrukturinvestments sind in der Regel langfristiger Natur und darauf ausgelegt, wirtschaftlichen Abschwüngen standzuhalten. Staatlich garantierte langfristige Mittelflüsse werden im gegenwärtigen Umfeld von Vorteil sein. Im Vergleich zu anderen Anlageklassen dürften Anlagen in soziale Infrastruktur gut aufgestellt sein, um der COVID-19-Krise standzuhalten.

Die wirtschaftliche Infrastruktur ist einem höheren Risiko ausgesetzt. Flughäfen beispielsweise werden kurzfristig enorm unter Druck geraten, da der Flugverkehr in einem noch nie dagewesenen Maße rückläufig ist. In einer eindringlichen Warnung vom 16. März schätzte das Centre for Aviation, ein Forschungsinstitut der Luftfahrtbranche, dass die meisten Fluggesellschaften bis Ende Mai vor dem Bankrott stehen könnten, wenn die Regierungen keine unterstützenden Maßnahmen ergreifen. Seehäfen dürften ebenfalls stark gefährdet sein, da auch der Containerverkehr rückläufig ist. Die Autobahn-Maut – die oftmals vom Schwerlastverkehr abhängt – ist in ähnlicher Weise betroffen.

Die Infrastruktur der Versorgungsunternehmen, die von auf den Energiepreisen basierenden Mittelflüssen abhängt, wird durch eine Kombination aus dem pandemiebedingten Nachfragerückgang und der Entscheidung Saudi-Arabiens, die Ölförderung zu erhöhen, beeinträchtigt. Im Bau- und verarbeitenden Gewerbe könnten Infrastrukturprojekte aufgrund von Terminüberschreitungen und steigenden Kosten wegen des potenziellen Mangels an Arbeitskräften, Material und Ausrüstung nicht termingerecht zur Generierung von Einnahmen führen. Die Ertragsströme können daher beeinträchtigt werden.

Der Infrastruktursektor ist jedoch der Schlüssel für Kontinuität und Erholung der Wirtschaft. Real Assets-Anleger dürften einen gewissen Trost in der weit verbreiteten Erwartung finden, dass in bestimmten Kernbereichen wie der Infrastruktur umfangreiche staatliche Finanzhilfen geleistet werden. Die meisten Infrastrukturanlagen spielen eine wesentliche Rolle in unserer Gesellschaft und sind für eine Erholung der Weltwirtschaft essentiell. Daher ist davon auszugehen, dass die Regierungspolitik diese unterstützen wird.

Private Debt

Die risikoarme Anlageklasse Private Debt ist allgemein eine defensive Anlageklasse, deren Anlageergebnisse jedoch durch den erwarteten steilen wirtschaftlichen Abschwung in Gefahr geraten. Nehmen wir das Beispiel der Hotelbesitzer: Für sie dürfte es schwierig werden, die Tilgung ihrer Schulden aufrechtzuerhalten, wenn ihre Einnahmen schwinden, was schließlich zu Vertragsverletzungen führen wird. Finanzstärkere Sponsoren werden jedoch das Recht haben, eine Vertragsverletzung zu verhindern, indem sie beispielsweise zusätzliche Finanzspritzen gewähren, bevor ein Zahlungsausfall eintritt.

Dennoch dürfte die Zahl der Umstrukturierungen, Schuldenstundungen und letztlich der Zahlungsausfälle steigen. Die Sektoren Transport, Einzelhandel und Freizeit scheinen sofort betroffen zu sein, andere Bereiche der Wirtschaft, wie das verarbeitende Gewerbe, der Handel und das Bauwesen, werden wahrscheinlich folgen. Die enge Zusammenarbeit mit den Schuldnern wird diesen helfen, ihre Schulden mittelfristig zurückzuzahlen und so die Investments zu schützen.

Seit der Finanzkrise 2008-2009 haben die Kapitalströme von institutionellen Anlegern in Private Debt ein Rekordniveau erreicht, da sich viele Banken aufgrund strengerer Vorschriften aus dem Sektor zurückzogen. Infolgedessen sind die Renditen der Anlageklasse erheblich gesunken, während das Risikoniveau aufgrund der zunehmenden Menge an Kapital, das immer weniger Transaktionen hinterherjagt, gestiegen ist. Nach COVID-19 könnten sich beachtliche Möglichkeiten ergeben, Immobilien- und Infrastrukturprojekte zu attraktiveren Renditen zu finanzieren, wobei das Risiko gut kompensiert wird.

Kurzfristige Beeinträchtigungen könnten langfristigen Möglichkeiten weichen

Es liegt in der Natur von Virenausbrüchen wie COVID-19, dass es schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, ihr Ausmaß und ihre Dauer vorherzusagen. Die Pandemie richtet auf den Finanzmärkten auf verschiedene Weise verheerende Schäden an.

Der Schlüssel zu einem guten Portfoliomanagement besteht in Zeiten wie diesen nicht darin, das Unerwartete vorherzusagen, sondern sich darauf vorzubereiten. Bei Real Assets beinhaltet dieser Ansatz das Halten diversifizierter Portfolios aus hochwertigen Vermögenswerten und die Pflege starker Beziehungen zu Mietern, Darlehensnehmern und Partnern. Nicht beziehungsweise nur geringfügig gehebelte Aktienportfolios – die in einem risikofreudigeren Umfeld zwar konservativer erscheinen – bieten bei Konjunkturrückgängen jedoch die dringend erforderlichen defensiven Eigenschaften.

Obwohl wir weitere Volatilität erwarten, werden sich neben den großen Herausforderungen aber zweifellos auch Chancen ergeben. Es ist wahrscheinlicher, dass es zu Fehlbewertungen kommt, weshalb die Anleger bereit sein sollten, zu handeln. Die Liquidität steht derzeit an erster Stelle. Die Diversifizierungsvorteile jedoch, die mit einer Allokation in qualitativ hochwertige Real Assets verbunden sind, werden bei der Bewältigung von COVID-19 ebenfalls entscheidend sein. Da die mittelfristige Zukunft der Weltwirtschaft unklar ist, wird es vorteilhaft sein, Vermögenswerte mit unterschiedlichen Risikofaktoren zu besitzen. Anleger können Maßnahmen ergreifen, um die Auswirkungen einer eindeutigen wirtschaftlichen Notlage einzudämmen und schließlich umzukehren.

Quelle: Aviva Investors (Marktkommentar vom 25.03.2020)